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„DAS IST EIN GUTES GEFÜHL, DIESE VERANTWORTUNG ZU TRAGEN. SONST HÄTTE ICH DEN WEG NICHT GEWÄHLT.“

Metallbaumeisterin Julia Nikiel im Gespräch über ihren außergewöhnlichen Alltag als Frau im Metallbau-Handwerk

In Baden-Württemberg gibt es derzeit nur sehr wenige weibliche Metallverarbeiter. Julia Nikiel ist eine davon und sogar Metallbaumeisterin. Die 34jährige führt ihren Familienbetrieb in der 4. Generation. Sie ist eine auf Anhieb sympathische Frau, die ganz genau weiß, was sie will. Ruhig und direkt berichtet sie von ihrem außergewöhnlichen Werdegang und von ihrem Alltag als Metallbaumeisterin, Firmenchefin und Mutter.
Was wollten sie als Kind werden? War Metallbaumeisterin schon als Kind Ihr Traumberuf?

Traumberuf? Nein! Ich habe in verschiedene Sparten reingeschnuppert: Versicherungskauffrau, Einzelhandelskaufrau, Erzieherin, Reiseverkehrskauffrau - ich weiß gar nicht mehr alles, aber irgendwie war das nicht so meins. Irgendwann war klar, dass es etwas handwerkliches sein musste. Zuerst wollte ich eine Schreinerlehre machen, aber dann fand ich das nicht gut, weil ich das Metallhandwerk ja sozusagen vor der Haustüre hatte (lacht).

Ab welchem Alter haben Sie bei Ihrem Vater in der Werkstatt geholfen?

Ich war zwar öfter hier, aber nicht so, dass ich da als Kind schon mitgewurschtelt habe. Ich war aber immer schon handwerklich interessiert, aber nicht explizit für Metall, eher allgemein. Das hat sich über die Jahre entwickelt, war aber nicht so geplant. Das wurde von meiner Familie auch nie verlangt. Man muss das dazu sagen, weil das viele denken.

Wieviel Frauen waren in Ihrer Klasse bei der Ausbildung?

Ich war die einzige.

Und in der Meisterschule?

Da war ich auch die einzige Frau. In den ersten Wochen war das dann wie in der Ausbildung auch. Nachdem klar war, dass ich den Anforderungen genauso gerecht wurde wie die Männer wurde ich dort auch akzeptiert.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie belächelt wurden? Oder andersrum gefragt - wurden Sie ernst genommen?

Am Anfang nicht. Aber mit der Zeit haben sie sich alle damit abgefunden. Das klingt jetzt blöd, aber man hat sich wohl peu à peu daran gewöhnt.

Haben Sie mit Vorurteilen zu kämpfen, weil Sie eine Frau sind?

Ich bin jetzt 15 Jahre dabei, manchmal gibt es schon Vorurteile. Aber so langsam hat man sich an mich gewöhnt, würde ich sagen. Also eher Nein. Nicht mehr. Und wenn es vereinzelt doch so ist, dann werden sie danach immer eines besseren belehrt, dass das gar nicht nötig war.

Was fasziniert Sie besonders an Ihrem Beruf?

Er ist vielfältig und vielseitig. Und gerade dadurch, dass wir so klein sind, machen wir ganz unterschiedliche Dinge. Das wird eigentlich nie eintönig.

Wie vereinbaren Sie Ihren Beruf mit Ihrer Familie?

Ich bin verheiratet, wir sind zu dritt: meine Tochter, mein Mann und ich. Also ein Spagat ist es manchmal schon, aber es funktioniert, wenn man sich gut organisiert. Meine Tochter ist in der Schule gut betreut und meine Eltern springen im Notfall auch ein. Dass es natürlich anstrengender ist als wenn ich halbtags arbeiten würde und nicht selbständig wäre, das ist klar. Aber es funktioniert. Es ist anstrengend, aber es ist machbar. Muss es ja auch sein.

"Der schnelle Zugang zu allen Infos und der rasche Kontakt zu den Kunden und Lieferanten sind erforderlich. Es lebe Google, oder wie das alles heißt!"

Gibt es aufgrund Ihres Berufes in einer „Männer-Domäne“ etwas, was Sie von anderen Müttern unterscheidet?

Also organisiert bin ich bestimmt besser, das muss ich auch sein. Aber ich glaube, ich mache nichts anders als andere Mütter. Meine Tochter wird von uns aufopfernd und liebevoll großgezogen und kann ihren Hobbies nachgehen. Ich bezweifle, dass es da für meine Tochter einen Unterschied gegenüber anderen Kindern gibt. Aber ob ich mich von anderen Müttern unterscheide? Vielleicht wird man bei gewissen Situationen entspannter? Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht.

Wie haben Sie Ihr Familienleben organisiert?

Wir arbeiten beide in Vollzeit. Meine Tochter geht nach der Schule in die Kernzeitbetreuung. Da wird man teilweise von anderen Eltern komisch angekuckt, das muss man auch sagen, obwohl die Kernzeitbetreuung sehr gut besucht ist. Offensichtlich scheint es ja mehrere Mütter zu geben, die das dann so wollen, müssen, dürfen, können. Die Nachfrage ist da. Aber man wird dann gerne noch so ein bisschen als Rabenmutter angeguckt.

Wie profitieren Sie und Ihre Familie davon, dass Sie selbständig sind?

Gerade mit Kind, kann ich als Selbständige meine Zeit viel besser und flexibler einteilen, als wenn ich angestellt wäre. Das ist für mich schon von großem Vorteil. Ich kann meine Tochter mal kurz zum Tanzen o.ä. fahren und dann hier weiter machen, das könnte ich als Angestellte so nicht. Vom familiären Aspekt her ist die Selbständigkeit auf alle Fälle positiv, viel flexibler. Ich versuche auch immer, pünktlich Feierabend zu machen damit meine Tochter auch ihre sozialen Kontakte pflegen kann. Was ich dann nicht geschafft habe, das mache ich dann eben abends, wenn sie im Bett ist. Ich kann es mir zum Glück erlauben, geschäftliche Dinge auch nach 20 Uhr noch zu erledigen. Die eigenständige Zeiteinteilung ist schon sehr positiv.

Kommt das öfter vor, dass Sie abends oder am Wochenende arbeiten?

Ja, na klar. Mich stört das aber nicht, das gehört dazu. Wen man selbständig ist, dann ist das so.

Sie sind eine Frau, die sehr viel Verantwortung trägt: für den Betrieb, für die Mitarbeiter, für die Familie? Was ist das für ein Gefühl?

Ich fühle mich ausgefüllt. Das ist ein gutes Gefühl, diese Verantwortung zu tragen. Sonst hätte ich den Weg nicht gewählt.

War es klar, als Sie nach Ihrer Ausbildung hier in den Betrieb kamen, dass Sie den irgendwann übernehmen?

Naja, so im Unterbewusstsein war das vielleicht schon bei allen irgendwie verankert - aber konkret darüber gesprochen wurde nicht. Es wurde auch nicht von mir verlangt. Oder erwartet, dass ich das dann mache. Das wurde mir freigestellt. Wenn ich gesagt hätte, ich hab keine Lust darauf, dann wäre das auch in Ordnung gewesen. Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren herauskristallisiert.

"Dass es natürlich anstrengender ist als wenn ich halbtags arbeiten würde und nicht selbständig wäre, das ist klar. Aber es funktioniert."

Was hat bei der Übernahme gut funktioniert? Und was nicht?

Das war bei uns eher ein fließender Übergang. Also diesen Tag, an dem man sagt, jetzt ist mein Vater weg und ich bin da, den gab es so nicht. Wir waren vorher schon immer zusammen und ich habe die gleichen Arbeiten gemacht wie heute auch. Da gab es keinen harten Schnitt. Natürlich haben wir darüber gesprochen, auch mit den Kollegen, dass das ab dem Tag X auch offiziell auf dem Papier steht. Aber der Arbeitsablauf hat sich nicht geändert. Das war fließend. Natürlich laufen manche Dinge seither etwas anders bei uns.

Was denn?

Die Arbeitseinteilung ist bei mir etwas anders, alleine schon wegen meines Tagesablaufs. Auch bei der Auftragsabwicklung mache ich manche Dinge nicht wie mein Vater. Vieles hatte sich bei ihm über die Jahre so eingebürgert - man nimmt auch vieles mit, weil es funktioniert und gut ist, aber es gibt auch immer Kleinigkeiten, wo man denkt: „das ist jetzt aber nicht so sinnvoll“. Man optimiert es dann schon ein bisschen.

Wie verändert die Welt des Internet Ihren Betrieb?

Ohne Internet ist ein Geschäftsleben nicht mehr machbar. Der schnelle Zugang zu allen Infos und der rasche Kontakt zu den Kunden und Lieferanten sind erforderlich. Es lebe Google, oder wie das alles heißt! Das ist sehr positiv.

Gibt es da Unterschiede zwischen Ihnen und Ihrem Vater?

Ja, für meinen Vater war das Internet nicht so wichtig, er hat es nicht so intensiv genutzt.

Nutzen Sie den MEVACO-Online-Shop?

Da mache ich mich online schlau und schaue, was es gibt. Aber bei Bestellungen bin ich dann altmodisch und rufe an. Ich schaue nach den unterschiedlichen Produkten und dann rufe ich trotzdem noch an. Das geht oft schneller, ist persönlicher und für mich auch gut handelbar. Ich spreche dann mit Ihren Kolleginnen am Telefon drüber und dann ist alles super.

Auf was sind Sie bei Ihrer Arbeit stolz?

„Wenn wir hier gearbeitet haben und der Kunde zufrieden ist. Wenn alles so abgelaufen ist, wie er sich das wünscht, dann sind wir stolz - wir alle.“

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